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Unkörperliches in der Körperschaft: Immaterielles in der Kommune
Do, 09.07.2009 - 14:36 – Christian Janisch
Ein Baustein unseres Konzepts der Verwaltung von Übermorgen ist die Bürgerbilanz. Im Zuge der Verlagerung der Industrie- auf eine Dienstleistungswirtschaft erkennen Unternehmen zunehmend, dass neben den materiell vorhandenen Gütern (Kapital, Grund und Boden, Maschinen…) auch immaterielle Werte eine große Rolle für die Bewertung ihres Unternehmens spielen - auch, wenn sie nicht in der Bilanz aufgeführt werden. Doch welche immateriellen Werte haben Kommunen - und werden diese überhaupt gemessen? Der Name CocaCola hat angeblich einen Wert von 65 Milliarden Dollar. Das kann man bewerten, wie man will, aber ohne Marke wäre CocaCola nur eine andere Pepsi. Google hätte ohne seine genialen Ingenieure und Techniker keinen besseren Algorithmus hervorgebracht und würde heute noch Yahoo hinterherlaufen. Und Apple wäre ohne die starke Innovationskultur im Betrieb heute nur mehr die englische Bezeichnung für ein schmackhaftes Kernobst. All diese immateriellen Güter - Marke, Mitarbeiterstab, Patente, Firmenkultur - lassen sich messen, abbilden und für Planungen nutzen. Bis zum Jahr 2012 müssen Kommunen mit der Einführung der Doppik nun zumindest dazu übergehen, vorhandene Sachwerte zu erfassen und abzuschreiben: Schulgebäude, Straßen und Parks werden nach Anschaffungs- oder Herstellungskosten bewertet. Das ist ein arbeitsintensiver Schritt, der viele Verwaltungen derzeit vor große Herausforderungen stellt. Wie könnte nun - im Sinne einer Verwaltung von Übermorgen - die immaterielle Werteerfassung einer Kommune aussehen? Und zwar nicht nur im Sinne der derzeit für die Doppik gültigen Regelungen für immaterielle Vermögensgegenstände, sondern auch für Werte, die eben nicht eigentständig verkehrsfähig sind?
Welche unsichtbaren Werte könnten und sollten im öffentlichen Sektor noch gemessen werden? Was wären die daraus entstehenden Steuerungsmöglichen und die damit verbundenen Ziele? "Was du nicht messen kannst, kannst du nicht lenken." Wir glauben, dass in einer Gesellschaft, die mobiler, schnelllebiger und individualisierter sein wird, eine andere Art von Verwaltungs- und Gemeindearbeit notwendig ist. Eine staatliche Stelle, die weniger lenkt und bürokratisiert, sondern vielmehr moderiert, gestaltet und Möglichkeiten bietet. In unserer Vision von Übermorgen schafft die kommunale Verwaltung eine Vernetzung unter den Bürgern, die Werte generiert, Potenziale entdeckt und nutzbar macht und Beziehungen untereinander stärkt. Aus dieser Investition in ein "Empowerment der Bürger" entsteht Lebensqualität - mit einer Art Zinseszinseffekt, denn gestärkte Strukturen stärken oft sich selbst. Denken wir nun die Erfassung von immateriellem Vermögen noch einen Schritt weiter: Was, wenn der Wert von sich in den Gemeindealltag und das lokale Leben einbringenden, engagierten Bürgern und die daraus resultierenden Zinseszins-Effekte auch gemessen und damit steuerbarer würden? Das passende Instrument zur Erfassung dieser Effekte und Synergien nennen wir "Bürgerbilanz". Eine solche Zusammenstellung der immateriallen Werte einer Gemeinde wäre übersichtlich gestaltet, würde separat zur normalen Bilanz erstellt und könnte beispielsweise Potentialnutzungsquote, Engagementbereitschaft oder einen Lebensqualitätsindex enthalten. Einheitlichkeit auf Bundesebene würde Vergleichbarkeit schaffen und überkommunale Kooperation ermöglichen. Eine Bürgerbilanz dient als Unterstützung für die Erarbeitung und Umsetzung einer gemeinsam verfolgten Kommunalstrategie und liefert Kennzahlen für die Kommunalpolitik. Oftmals hinkt der öffentliche Sektor der Wirtschaft hinterher. Für das New Public Management und für die Rechnungslegung haben sich unsere Beamten schon vieles aus der Industrie übernommen. Vielleicht schauen übermorgen große Unternehmen zu cleveren Kommunen auf, und übernehmen deren Konzepte einer "Municipal Learning Scorecard" oder Methoden zur Erreichung eines größtmöglichen Kommunalgesamtglücks? Wir glauben an die hohe Innovationskraft in deutschen Kommunen. Nicht alles muss zahlenmäßig bewertbar sein, aber ein bisschen Vergleichbarkeit könnte helfen, die Werte innerhalb einer Gemeinde schätzen zu lernen - und somit die Gemeinde(verwaltung) selbst. Aus Wert-Schätzung wird so Wertschätzung. Trackback URL for this post:http://www.wandelgestalter.de/trackback/100
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