Die Wandelgestalter sind auch auf Twitter! Hier unsere letzten Tweets:

    Permanent Beta

    Angenommen, in der Zukunft ist die Gesellschaft fragmentierter, die Interessen und Vorlieben der Menschen individueller. Angenommen, die Menschen werden mobiler, ziehen häufiger um, wechseln häufiger ihren Arbeitsplatz und kommunizieren grenzüberschreitend mit Freunden, Arbeitskollegen, Bekannten und das sogar täglich und weltweit.
    Stellen wir uns vor, dass es in Zukunft nicht mehr haltbar ist, von einer einheitlichen öffentlichen Meinung zu sprechen. Vielmehr haben wir akzeptiert, dass wir uns zu unterschiedlichen Tageszeiten, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und mit jeweils sehr individuellen Motivationen und Hintergründen für unsere Gesellschaft interessieren und in ihr wirken. Althergebrachte Klischees, wie DIE  „Meinung des Stammtischs“ bröckeln.
    Die Zeit des „Regierens mit der Bild-Zeitung“ ist endgültig vorbei.

    Der Internetphilosoph und Autor Peter Glaser sagte einmal im Rahmen eines Symposiums zur Stadt der Zukunft (NEXT CITY): Wir bewegen uns vom Zeitalter der Massenmedien in ein Zeitalter der Medienmassen! Morgen wird weniger rezipiert sondern vor allem selbst produziert! Die Leute werden mehr schreiben als lesen…
    Einige Videos zum Thema bzw. von dem Symposium - am Ende der Seite

    Angesichts einer zunehmend komplexen und unübersichtlichen Welt, wird niemand mehr ernsthaft in Frage stellen, dass wir uns langfristig von der Möglichkeit linearer Planungen verabschieden müssen. Internationale Interdependenzen und globale Unvorhersehbarkeiten durchkreuzen allzu oft unsere nationalen oder regionalen Vorhaben. Lineare Planungen gehören unweigerlich der Vergangenheit an - nicht nur, weil es schwierig ist, mit der Geschwindigkeit des Informationszeitalters Schritt zu halten und die Pläne von gestern bereits morgen wieder anpassen zu müssen. Sondern auch, weil uns schlicht der Überblick fehlt. Nichts ist mehr so wirklich überschau- und planbar. Vielmehr ist ständig alles in Bewegung und in Veränderung.  Alles wirkt irgendwie „unfertig“.

    In der Softwareentwicklung gibt es einen Begriff für „unfertig“ – ein Programm, das noch nicht distributionsfähig ist, befindet sich im sog. Beta-Status. Eine Betasoftware wird zum Testen zwar schon veröffentlicht, prinzipiell können sich aber bis zur finalen Fertigstellung noch einige Dinge verändern, vor allem sollen aber gerade durch diese Testphase wichtige Fehler gefunden und ausgebessert werden.

    Was hat das nun mit Verwaltung zu tun?

    Eine Gesellschaft, die derart komplex und in Bewegung ist, kann durch generalstabsmäßige Planungsstrukturen schwer bewältigen werden. Komplexität bewältigt man am besten durch a) Komplexität oder b) Durchwurschteln!
    Traditionell (und wohlbegründet) wollen wir uns in der öffentlichen Verwaltung das Durchwurschteln nicht leisten, denn es ist viel zu riskant, wenn man nicht weiß, was passiert und wie es ausgeht: wo bleibt da die Aktenmäßigkeit?. Dahe bleibt uns nur Variante a): komplexe Anforderungen bewältigen mit komplexen Lösungen.
    Und daran halten wir uns in Deutschland schon lange: Willkommen in der Mammutbürokratie! Oder aber, und das ist unser Vorschlag: wir akzeptieren, dass wir niemals ein „fertiges“ Produkt, eine perfekte Lösung auf die Anforderungen an die öffentliche Verwaltung finden werden. Sondern: In Zukunft müssen wir uns dran gewöhnen, dass wir in einem PERMANENT BETA-Zustand leben. Und dass das etwas Positives ist, weil Verwaltung auf seine „Kunden“ angewiesen ist, um Fehler finden und Prozesse ständig weiter optimieren zu können. Verwaltung reformiert sich nicht alle zehn Jahre, sondern befindet sich in einem permanenten Wandlungsprozess.

    All das ist nicht einfach die zwingende Folge einer fortschreitenden Entwicklung oder die Kapitulation vor einer scheinbar mit normalen Managementmethoden nicht reduzierbaren Komplexität. Sondern PERMANTENT BETA ist möglicherweise eine Grundvoraussetzung dafür, dass eine Verwaltung innovativ sein kann. Die Logik dahinter ist recht einfach: Wenn Verwaltung ein öffentliches Gut ist, dann ist das Offenhalten des Entwicklungsprozesses (kein Vorsetzen fertiger „Versionen“) das maximale Moment an Partizipation für eine Öffentlichkeit. Wobei dies nicht bedeuten muss, in den Inkrementalismus einer Politik der kleinen Schritte zurück zu fallen, sondern viel eher, ähnlich wie bei den vielen „BETA“-Startup-Plattformen im Internet, Menschen zu ermutigen, aktiv an der Gestaltung und Fortentwicklung mitzuwirken. Leitbilder und grobe Linien können also dennoch von der Verwaltung entwickelt werden, nur sollte man sie eher als laufende Projekte denn als einmalige Kraftanstrengungen sehen.

    Sinnvollerweise braucht es für derlei Partizipationsprozesse bzw. Wandlungsprozesse und damit vor allem die Kommunikation zwischen Verwaltung, Bürgern, Wirtschaft und Politik eine Infrastruktur, die dies ermöglicht. Diese Infrastruktur findet sich in unserem Konzept in Form eines spezifischen Rollenprofils wieder: Wir nennen es den Wandelgestalter. Er bekleidet die Rolle, die für Kommunikation unter den Beteiligten, für Ergebnisoffenheit im Prozess, aber auch für die ständige Überprüfung von möglicherweise notwendigen Wandlungsprozessen steht. Der Wandelgestalter versetzt die Verwaltung, sollte sie träge oder verfestigt werden, immer wieder und absichtlich in den Betastatus.

    Natürlich arbeiten bereits Verwaltungen an Reformen und Wandlungsprozessen oder üben sich im Change Management. Ein tolles Beispiel findet sich im Change²-Projekt von Mannheim.
    Nur: Werden diese Projekte, wie auch in Mannheim, wieder mit linearen Masterplänen versehen, seien diese nun partizipativ entwickelt oder nicht, so stellt sich die Verwaltung nicht auf einen BETA-Status ein und läuft Gefahr, schon bald wieder in die Rolle des zeitlich verzögerten Reagierens zu geraten. Die üblichen Planungshorizonte sind hier einfach zu träge!
    Neue Rollen braucht das Land! Arbeiten wir an Max Weber 2.0!

    Wer sich gerne noch mehr in eine zukünftige Gesellschaft rein denken möchte, findet hier einen Denkanstoß, ein Pflichtenheft für die Stadt der nächsten Gesellschaft. Entwickelt wurde es von Dirk Baecker als Abschluss des in diesem Artikel angerissenen Symposiums „Next City“.

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